3 Gründe, warum ich das Gerichtsdolmetschen liebe

Gerichtsdolmetschen

Katherina Polig
Warum das Gerichtsdolmetschen perfekt zu mir passt: Meine drei wichtigsten Gründe, warum ich das Gerichtsdolmetschen liebe.

 

Es muss im Frühling 2011 gewesen sein, als ich zum ersten Mal eine Gerichtsverhandlung mit Dolmetscherin „live“ erlebte. Ich war gerade Praktikantin in Freiburg, nur einen Steinwurf vom Amtsgericht entfernt. Meinen Master in Übersetzen und Dolmetschen hatte ich erst vor wenigen Monaten abgeschlossen und war gerade im Alles-aufsaugen-Modus. Und: Ich wollte herausfinden, auf welches Fachgebiet ich mich von jetzt an spezialisieren wollte, denn Übersetzer*innen gibt es für alle Branchen von Anlagenbau bis Zoologie. Im Studium konnte ich im Fach Public Service Interpreting schon in das Dolmetschen für Polizei und Gerichte hineinschnuppern. Das fand ich spannend, weil ich als Geisteswissenschaftlerin bisher quasi nur mit Wörtern und Texten zu tun hatte. Die Entdeckung: Als Dolmetscherin konnte ich ja mit Menschen zusammenarbeiten, wow!

Aber zurück nach Freiburg: In meinen Mittagspausen hielt ich im Eingangsbereich des Amtsgerichts immer mal wieder Ausschau nach Sitzungstermingen mit Verdolmetschung. An dem Tag hatte ich Glück: Es lief gerade eine Hauptverhandlung, bei der eine Dolmetscherin geladen war. Was ich dann beobachtete, prägt mich bis heute.

Gerichtsdolmetscher*innen schützen das Menschenrecht auf ein faires Verfahren

Was hat sich in dem Gerichtssaal also abgespielt? Im Saal wurden lange Schriftsätze verlesen, der Staatsanwalt meldete sich zu Wort, es wurden viele Fragen gestellt und beantwortet. Allerdings: Dem Angeklagten wurde von der Dolmetscherin nur sporadisch etwas zugeflüstert (zumindest solange ich im Saal war). Konkret bedeutete das: Der Angeklagte hatte keine Chance, der Verhandlung genau zu folgen. Das fand ich erschreckend, denn schließlich wurde ja gerade über ihn und seine Freiheit verhandelt. Unabhängig davon, was möglicherweise im Vorfeld der Verhandlung zwischen den Beteiligten besprochen wurde, erkannte ich in dem Moment, dass ich als Gerichtsdolmetscherin wirklich Menschen helfen konnte – ja sogar dazu beitragen konnte, die Menschenrechte zu schützen. Denn tatsächlich steht in Artikel 6 der Europäischen Menschenrechtskonvention geschrieben:

Artikel 6 – Recht auf ein faires Verfahren

3  Jede angeklagte Person hat mindestens folgende Rechte:

a. innerhalb möglichst kurzer Frist in einer ihr verständlichen Sprache in allen Einzelheiten über Art und Grund der gegen sie erhobenen Beschuldigung unterrichtet zu werden;

[…]

e. unentgeltliche Unterstützung durch einen Dolmetscher zu erhalten, wenn sie die Verhandlungssprache des Gerichts nicht versteht oder spricht.

Da Gerechtigkeit einer meiner wichtigsten Werte ist, hatte ich im Gerichtsdolmetschen eine Tätigkeit gefunden, die mir nicht nur lag, sondern in der ich auch einen tieferen Sinn sah. Der Gedanke, mit meiner Arbeit unmittelbar Menschen zu helfen, war und ist für mich ein wichtiger Treiber. Auch meine soziale Ader kann ich als Gerichtsdolmetscherin mit meinem sonst eher textlastigen Beruf verbinden. Denn anders als beim klassischen Konferenzdolmetschen bei internationalen Kongressen kommt man als Gerichtsdolmetscherin häufig auch mit sehr berührenden menschlichen Schicksalen in Berührung.

 

Buchcover des Fachbuchs Gerichtsdolmetschen von Christiane Driesen
Gerichtsdolmetschen erfordert unterschiedliche Fähigkeiten: juristisches Fachwissen, verschiedene Dolmetschtechniken und Sprachkenntnisse in allen Registern. Erste Grundkenntnisse lernt man im Studium.

Beim Dolmetschen bin ich im Flow

Ein weiterer Grund, warum ich das Gerichtsdolmetschen liebe, sind die vielen Glückshormone! Beim Dolmetschen bin ich im Flow. Ich höre mit einem Ohr, was im Saal vorgetragen wird, verwandle in meinem Kopf alles blitzschnell ins Englische und flüstere es dem*der Angeklagten fast zeitgleich auf Englisch übersetzt ins Ohr. Die Kommunikation läuft, der*die Angeklagte kann die gesamte Verhandlung in allen Einzelheiten verfolgen. Das Recht auf eine faire Verhandlung ist – zumindest aus sprachlicher Sicht – gewahrt. Es ist genau so, wie Mihály Csíkszentmihályi es in seinem Buch Flow beschreibt:

„[Flow] bezeichnet einen Zustand des Glücksgefühls, in den Menschen geraten, wenn sie gänzlich in einer Beschäftigung »aufgehen«. Entgegen ersten Erwartungen erreichen wir diesen Zustand nahezu euphorischer Stimmung meistens nicht beim Nichtstun oder im Urlaub, sondern wenn wir uns intensiv der Arbeit oder einer schwierigen Aufgabe widmen“ (Flow: Das Geheimnis des Glücks, aus dem Amerikanischen übersetzt von Annette Charpentier)

Eine schwierige Aufgabe ist das Gerichtsdolmetschen allemal, aber laut Flow macht uns gerade das Meistern solcher Aufgaben glücklich. Für mich kann ich diese Theorie jedenfalls bestätigen 🙂

Dolmetschen ist ein Garant für Abwechslung

„Variety is the spice of life“, heißt es auf Englisch so schön. Und tatsächlich: Ein dritter Grund, warum ich gerne bei Gericht (oder allgemein) dolmetsche, ist die Abwechslung, die der Job bietet. Als Dolmetscherin ist jeder Einsatz anders. Es gibt keinen „typischen“ Arbeitsweg in das immergleiche Büro, keine Mittagspause im immergleichen Café oder Restaurant. An Tagen, an denen ich nicht dolmetsche, sitze ich viel im Home Office und übersetze. Das Dolmetschen führt mich hingegen in unterschiedliche Gebäude, Stadtteile, Städte und Länder, von kahlen Besuchszimmern in Justizvollzugsanstalten bis hin zu pompösen Eingangshallen in den nobelsten Stadtvierteln. Ich liebe es, mich auf die Reise zu machen und zu entdecken, was sich in und um meinen nächsten Einsatzort so abspielt. Wohin wird mich mein nächster Einsatz führen? Ich weiß es nicht, aber ich bin auf jeden Fall sehr gespannt darauf.

 

Dieser Artikel war Teil der #BoomBoomBlog-Challenge von Sympatexter im April 2021.

 

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