29. November 2022

Gendern von Sehr geehrte Damen und Herren

Muss man „Sehr geehrte Damen und Herren“ gendern? Darf man „Meine sehr verehrten Damen und Herren“ heute noch verwenden – oder sind die Ansprachen inzwischen veraltet? Wenn Sie die Frage nach einer gendergerechten Anrede umtreibt, finden Sie hier mögliche Antworten und Alternativen.

Das Wichtigste zuerst: Selbstverständlich dürfen Sie Ihre E-Mails und Geschäftsbriefe noch mit „Sehr geehrte Damen und Herren“ eröffnen. Das ist höflich und zumindest werden damit schon mal Männer und Frauen angesprochen. Aber: Es geht auch besser. Denn etwas veraltet klingt die Formel ja schon. Je nach Kontext können Sie sich also eine gendersensiblere Alternative, etwas Moderneres oder eine kleine Erweiterung überlegen, um Ihre Ansprache inklusiver zu gestalten.


Es gibt inzwischen etablierte Wege, einen Geschäftsbrief geschlechtergerecht zu gestalten oder bei Vorträgen eine inklusivere Ansprache zu wählen. In diesem Artikel stelle ich Ihnen fünf Alternativen zum klassischen „Sehr geehrte Damen und Herren“ vor, um Ihre Ansprache gendergerechter zu formulieren.

1. Tipp: Werden Sie konkreter

Die wichtigste Leitfrage bei der Suche nach einer Alternative zu „Sehr geehrte Damen und Herren“ ist: Wen genau sprechen Sie an?

Die Anrede „Sehr geehrte Damen und Herren“ ist extrem allgemein gehalten. Konkret richtet man sich aber nie an alle Damen und Herren der Welt, sondern immer nur an eine kleine Gruppe von Personen, zum Beispiel die Gäste im Saal, die Angestellten der Behörde X oder die Mitarbeitenden der Abteilung Y.

Versuchen Sie also, sich ganz konkret vor Augen zu führen, wen Sie bei einer Rede vor sich haben oder wer Ihr Schreiben lesen wird, und sprechen Sie diese Person(en) gezielt an:

Beispiel:

  • Liebes Team vom Finanzamt XYZ, vielen Dank für Ihr Schreiben vom ...
  • Liebes Buchhaltungsteam [der Firma XYZ], anbei meine Rechnung ...
  • Sehr geehrte Mitarbeitende der XYZ Wohnungsgesellschaft, hiermit …

Oder – etwas unpersönlicher, aber in vielen Fällen sehr hilfreich: die sogenannte Sachbezeichnung. Dabei verwandeln Sie eine Personenbezeichnung einfach in eine Sachbezeichnung um. Aus Redakteurinnen und Redakteuren wird so zum Beispiel die Redaktion oder die „sehr geehrten Damen und Herren“ des Finanzamts werden einfach zum abstrakten „Finanzamt“.

Beispiel:

  • Sehr geehrtes Finanzamt, vielen Dank für Ihr Schreiben vom ...
  • Liebe Buchhaltung, anbei ...
  • Liebe Kita-Leitung, besten Dank für die Info ...
  • Lieber Kundenservice, hiermit …
  • Sehr geehrte Spiegel-Redaktion, ...
  • Liebe Arztpraxis, ...

2. Tipp: Verwenden Sie eine neutrale Anrede

Eine weitere Möglichkeit, „Sehr geehrte Damen und Herren“ zu gendern bzw. geschlechtsneutral zu formulieren, ist ein schlichtes „Guten Tag“ oder auch Hallo. Ein großer Vorteil dieser Alternative ist, dass die genderneutrale Anrede auch für Einzelpersonen geeignet ist, deren Geschlecht unbekannt ist, wie es zum Beispiel bei „Toni“, „Alex“ oder einem Vornamen der Fall ist, der Ihnen nicht geläufig ist.

Beispiel:

  • Guten Tag, vielen Dank für Ihr Schreiben vom ...
  • Guten Tag Toni Schneider, anbei sende ich Ihnen …
  • Hallo Alex Braun, …

Die Techniker Krankenkasse, übrigens eine Vorreiterin gendersensibler Unternehmenskommunikation, hat das „Sehr geehrte...“ bzw. „Sehr geehrter...“ schon länger abgeschafft und verwendet stattdessen ganz einfach „Guten Tag“.

Gendergerechte Anrede bei der Techniker Krankenkasse

Genderneutrale Anrede bei der Techniker Krankenkasse

Wem ein einfaches „Hallo“ oder „Guten Tag“ zu unpersönlich ist, kann durch ein freundliches Rundherum dennoch für einen höflichen Gesamteindruck sorgen. 

Bei Vodafone wird man als Neukundin zum Beispiel mit einem freundlichen, prominent hervorstechenden „Schön, dass Sie bei uns sind!“ in der Betreffzeile begrüßt. Wenn auf diese herzliche Begrüßung dann ein relativ kühles „Hallo [Vorname] [Nachname]“ folgt, fällt das nicht so stark ins Gewicht. Der freundliche Gesamteindruck stimmt.

Genderneutrale Anrede

Freundliche Begrüßung bei Vodafone

3. Tipp: Verwenden Sie mehrere Ansprachevarianten gleichzeitig

Eine gute Möglichkeit, Ihre Ansprache insgesamt inklusiver zu gestalten, ist die gleichzeitige Verwendung mehrerer Ansprachevarianten. Ziel ist es, den Adressatenkreis möglichst breit zu öffnen und eine Formulierung zu finden, bei der sich möglichst alle angesprochen fühlen.

In einer Festschrift können Sie das „Sehr geehrte Damen und Herren“ zum Beispiel durch ein geschlechtsneutraleres „Gäste“ erweitern:


  • Sehr verehrte Damen und Herren

    liebe Gäste des Xer Weinfestes,

Oder:


  • Sehr geehrte Damen und Herren

    verehrtes Publikum

    liebe Filmbegeisterte,

Oder auch:


  • Sehr geehrte Damen und Herren, 

    liebe Theaterfreunde und Interessierte,

Ein Beispiel einer solchen erweiterten Anrede finden wir etwa im Grußwort der Broschüre zu den SWR Schwetzinger Festspielen ...

Genderneutrales Grußwort

Genderneutrales Grußwort in der Festschrift der Schwetzinger SWR Festspiele

… sowie wenige Seiten weiter in der Programmbeschreibung:

Genderneutrale Anrede in der Festschrift

Genderneutrale Ansprache durch Verwendung mehrerer Ansprachevarianten („Sehr geehrte Damen und Herren“ UND „liebes Publikum“)

4. Tipp: Mut zur Lücke

Je nach Zielgruppe und Format können Sie überlegen, ob Sie die Anrede möglicherweise auch ganz weglassen möchten. So wird es bereits in Vorworten und Editorials gehandhabt. Ein einfacher Willkommensgruß oder ein Titel reichen dabei schon. Probieren Sie es aus!

Auch die Chefredakteurin des Rossmann-Kundenmagazins Centaur hat sich als Begrüßung für ein schlichtes „Willkommen in der X-Ausgabe!“ entschieden.

Editorial von Centaur

Editorial ohne direkte Ansprache im Rossmann-Kundenmagazin Centaur

5. Tipp: Zeigen Sie Persönlichkeit und werden Sie kreativ  

Wenn es zu Ihnen und Ihrem Unternehmen oder Ihrer Veranstaltung passt, trauen Sie sich ruhig, kreativ und lockerer zu formulieren.

Wer die Broschüre zum Schokoladenfestival Wernigerode zur Hand nimmt, wird vom dortigen Oberbürgermeister zum Beispiel folgendermaßen begrüßt:


  • Liebe Naschkatzen,

    ich heiße Sie herzlich willkommen...

Kreative Anrede statt "Sehr geehrte Damen und Herren"

Kreative Anrede statt förmlichem „Sehr geehrte Damen und Herren“

Dem Veranstaltungsteam des Schokoladefestivals gelang mit den Naschkatzen eine thematisch passende, freundliche und nebenbei genderneutrale Ansprache. 

Aber auch Behörden müssen sich nicht auf ein steifes „Sehr geehrte Damen und Herren“ beschränken – zumindest nicht in jedem Kontext.

Anstatt „Sehr geehrte Damen und Herren, willkommen auf unserer Website“, schreibt die ostfriesische Gemeinde Südbrookmerland zum Beispiel:


  • Herzlich willkommen – Südbrookmerland sagt MOIN!

Begrüßung mit MOIN

Genderneutrale Begrüßung mit lokalem Einschlag: Südbrookmerland sagt MOIN

Wie Sie sehen: Es gibt ganz unterschiedliche Möglichkeiten, einen Brief, ein Vorwort oder eine Rede gendersensibel einzuleiten. Versuchen Sie, die Menschen persönlich anzusprechen, und werden Sie kreativ.

Welche Ideen zum Gendern von „Sehr geehrte Damen und Herren“ werden Sie ausprobieren?

Schreiben Sie Ihre Gedanken gerne in die Kommentare unten!

Auch Beidnennungen (z. B. Liebe Patientinnen und Patienten) sowie alle Varianten mit einem typografischen Genderzeichen (zu empfehlen ist dabei der Genderstern, also z. B. Liebe Patient*innen) bleiben Ihnen natürlich als Alternativen erhalten.

Wenn Sie wissen möchten, wie Sie über die Anrede hinaus zum Beispiel eine ganze Website elegant gendern können, finden Sie in meinem Infoguide Gendern viele weitere Tipps und kuratierte Inhalte aus der Unternehmenspraxis.

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