Gendern 2022: diese drei Publikationen bringen die Debatte weiter

Gendern 2022 aktuelle Publikationen

2021 – was für eine Flut an Beiträgen zum Thema Gendern. Geschlechtergerechte Sprache hier, Genderstern da: im Radio, im Fernsehen, in Zeitungen, überall. In vielen Beiträgen verschafften Menschen ihren Bedenken, ja ihrem Frust im Umgang mit dem Genderstern und anderen Genderzeichen Luft. Verständlich, denn der Schritt vom generischen Maskulinum zum fluffig leichten Formulieren mit Genderstern dürfte den wenigsten wirklich leicht fallen. Ein bisschen Übung braucht es schon.

Nach dem Sturm an Beiträgen 2021 sind zum Jahreswechsel drei Publikationen erschienen, die uns in der Debatte um eine geschlechtergerechtere Sprache tatsächlich weiterbringen. In diesem Artikel stelle ich sie kurz vor.


1. Genderleicht von Christine Olderdissen

Die sicher bekannteste Publikation ist das Buch „Genderleicht. Wie Sprache für alle elegant gelingt“ von Christine Olderdissen, das im DUDEN Verlag erschienen und seit Anfang 2022 erhältlich ist. Frau Olderdissen ist Juristin, Journalistin und Projektleiterin der Website genderleicht.de, auf der das Thema Gendern aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet wird.

Das Buch ist als leichter Einstieg ins Thema gedacht und entsprechend locker und verständlich geschrieben. Die Themen werden in kurzen Kapiteln von 2 bis 5 Seiten häppchenweise abgehandelt, sodass man das Buch auch gut als Nachschlagewerk benutzen kann, ohne es von vorne bis hinten durchzulesen. Wichtige Sätze sind grün hinterlegt und Textboxen mit Beispielen sorgen für eine angenehm übersichtliche Struktur.

Innenseite von Genderleicht

Innenseite von Genderleicht

Auf das „Verwirrspiel“ zwischen Sexus und Genus, wie die Autorin es selbst nennt, geht Frau Olderdissen nur kurz ein. Nachdem sie auf den ersten Seiten grundsätzlich beschreibt, was es mit dem Gendern überhaupt auf sich hat und warum das generische Maskulinum in vielen Fällen nicht mehr angemessen ist, steigt sich danach direkt in die einzelnen Unterthemen ein:

  • Stellenanzeigen mit m/w/d
  • Gendern von Wörtern mit Umlaut
  • wann Gendern überflüssig ist
  • Gendern von akademischen Titeln
  • Gendern in Komposita usw.

Zu vielen typischen Zweifelsfällen des Genderns spricht sie konkrete Empfehlungen aus. Zum Beispiel schlägt sie als Alternative zu „Sehr geehrte Damen und Herren“ ein schlichtes „Guten Tag!“ vor. Bei allem Optimismus fürs Gendern scheut sie aber auch nicht davor zurück, die Unzulänglichkeiten gendergerechter Sprache aufzuzeigen. Denn „ein bisschen kniffelig ist das Ganze schon“, wie sie selbst schreibt. Umso erfrischender ihr Ansatz, auch mal fünfe gerade sein zu lassen, zum Beispiel bei Sätzen wie „Ich geh zum Arzt / zum Italiener“.

Neben den vielen konkreten Beispielen aus der Schreibpraxis holt Frau Olderdissen in Kapitel 6 etwas weiter aus und erklärt, woher der Begriff „divers“ eigentlich kommt und was mit Inter- und Transgeschlechtlichkeit oder der Bezeichnung „nicht-binär“ gemeint ist. Sie geht auf den Wunsch nach einer korrekten Ansprache ein und beschreibt, wie man nicht-binären Personen respektvoll begegnen kann. Auch auf Gendern im Zusammenhang mit Barrierefreiheit und Leichter Sprache geht sie ab Seite 185 ein. Den Abschluss in Kapitel 7 bilden die Zweifelsfälle des Genderns in Gesetzestexten, im Theater oder in der Literatur.

Warum das Buch wichtig ist

Der Autorin gelingt mit ihrem lockeren Stil ein Buch übers Gendern, das die allermeisten Menschen, die das Gendern nicht kategorisch ablehnen, abholen dürfte. Ein pragmatischer Wegweiser für alle, die sich ernsthaft um eine geschlechtergerechtere Sprache bemühen, aber noch nach Möglichkeiten suchen, diese gut umzusetzen.

2. Ausgabe Geschlechtergerechte Sprache der Zeitschrift Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ)

Mit dem Heft Nr. 05-07/2022 der Zeitschrift APuZ widmet sich die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) dem Thema der geschlechtergerechten Sprache in einer eigenen Ausgabe, die Ende Januar 2022 erschien. Bekannte Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Kultur nehmen persönlich zum Thema Stellung oder stellen wissenschaftliche Erkenntnisse vor.

Die Artikel bilden ein großes Meinungsspektrum zum Gendern ab. So findet sich die Meinung des bekannten Gegners „gegenderter Sprache“ Peter Eisenberg genauso wieder wie die Einschätzung von Anatol Stefanowitsch, der die deutsche Sprache in dem Heft als „Männersprache“ bezeichnet.

Ein für die Praxis wichtiger Beitrag stammt von Helga Kotthoff. Die Professorin für germanistische Linguistik an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg schreibt:

Die stark im Pro und Contra geführte Debatte ließe sich dadurch entschärfen, dass das generelle Anliegen, in Texten etwas dafür zu tun, dass nicht überwiegend männliche Personen vor unser inneres Auge treten, anerkannt wird – wohlgemerkt: in Texten, nicht in Einzelsätzen.

Helga Kotthoff // Professorin für germanistische Linguistik

Grundlage dieser Aussage ist eine Studie von Jutta Rothmund und Brigitte Scheele. Demnach ist es gar nicht notwendig, Texte konsequent durchzugendern, „wenn man grundsätzlich um eine geschlechtersymmetrische Repräsentation bemüht ist“, so Kotthoff. Einfacher ausgedrückt: In unserem Kopf entstehen auch dann Bilder mit ausgewogenem (symmetrischem) Geschlechterverhältnis, wenn wir „nur“ auf Textebene auf eine geschlechtergerechte Sprache achten.

In ihrem kurzen Beitrag geht Kotthoff noch auf weitere spannende Aspekte ein. Ein Beispiel: Sprachwandel setzt immer auf Ususbildung. Wer einen „machbaren Wandel“ möchte, so Kotthoff, sollte das berücksichtigten, denn Sprachwandel kann „mit permanenter Störung gar nicht bewirkt werden“.

Zum Schluss kommentiert Kotthoff noch die „Progressivitätsanzeige“ der Sternchen-, Unterstrich- und Doppelpunkt-Nutzung. Sie kritisiert die Absicht, durch die Nutzung von Genderzeichen signalisieren zu wollen, dass man progressiv sei. Eine solche moralisierende Haltung trage eher zu einer Verschärfung der Debatte bei. Wünschenswert sei hingegen ein gelassener Umgang mit „je nach Kontext mehr oder weniger Gendern“.

Warum der Beitrag wichtig ist

Die Debatte ums Gendern beschränkt sich schon viel zu lange auf die Wortebene: Dass sich Arzt und Bäcker im Alltag nicht gut gendern lassen, ist klar. Solche Beispiele verfehlen aber den Kern der Sache: Es geht beim Gendern darum, die Bilder in unseren Köpfen vielfältiger werden zu lassen. Laut Helga Kotthoff erreichen wir das auch dann, wenn wir nur in Texten für eine geschlechtergerechte Sprache sorgen. Es ist gar nicht notwendig, einzelne Wörter oder Sätze konsequent „durchzugendern“. Halleluja! Dieses Verständnis von Gendern nimmt den Druck doch deutlich raus.

3. Studie der Überwachungsstelle des Bundes für Barrierefreiheit

Gendern und Barrierefreiheit

Bericht zur Barrierefreiheit von Websites

Ebenfalls zum Jahreswechsel erschien der erste Bericht über den Stand der Barrierefreiheit von Webauftritten und mobilen Anwendungen öffentlicher Stellen. In der zugrundeliegenden Untersuchung der Überwachungsstelle des Bundes für Barrierefreiheit von Informationstechnik (BFIT-Bund) wurde geprüft, ob die Anforderungen der EU-Richtlinie 2016/2102 an die Barrierefreiheit inzwischen erfüllt werden. Durch Corona sind viele Menschen mit Beeinträchtigungen noch viel stärker auf digitale Informationen angewiesen. So weit, so einleuchtend, dass Barrierefreiheit ein wichtiges Thema ist. Aber was hat das alles mit geschlechtergerechter Sprache zu tun?

Da auch viele Behörden angefangen haben, ihre Texte geschlechtergerechter zu gestalten, wird im Bericht auch auf die Barrierefreiheit von gendersensiblen Texten eingegangen. Um diese zu beurteilen, wurden die Selbstvertretungen von Menschen mit Beeinträchtigungen befragt. Das Ergebnis: Von allen Genderzeichen wird von den Gruppen am ehesten der Genderstern empfohlen.

„Der Genderstern wird als semantisch eindeutig sowie als besser wahrnehmbar empfunden. Daher bevorzugen die Selbstvertretungen den Asterisk beim Gendern.“

Studie der Überwachungsstelle für Barrierefreiheit von Informationstechnik 

Damit bestätigt der Bericht die Kritik des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbands (DBSV) am Genderdoppelpunkt. Wie der Verband zuletzt im März 2021 erklärte, sind im Grunde alle Varianten des typografischen Genderns für Menschen mit Sehschwäche problematisch. Falls doch mit Sonderzeichen gegendert werden soll, ist jedoch der Genderstern die bevorzugte Option – auch wenn dieser so sparsam wie möglich eingesetzt werden sollte. Der Doppelpunkt hat bereits wichtige Funktionen, weshalb viele blinde und sehbehinderte Menschen ihn sich vorlesen lassen.

Warum die Publikation wichtig ist

Der Bericht der Beobachtungsstelle für Barrierefreiheit bestätigt einmal mehr, dass geschlechtergerechte Sprache am besten durch kreative, geschickte Formulierungen umgesetzt werden sollte. Auch wenn sich der Mythos des barrierefreien Genderdoppelpunkts hartnäckig hält: Der Doppelpunkt ist nicht barriereärmer als der Genderstern.

Was wir fürs Gendern im Jahr 2022 mitnehmen können:


  • Ohne sprachliche Kreativität geht es nicht. Zu viele Genderzeichen machen den Text unleserlich und für Blinde und Sehbehinderte problematisch.
  • Der Doppelpunkt erfüllt in der deutschen Sprache bereits wichtige Funktionen (nicht nur für Blinde und Sehbehinderte) und ist daher als Genderzeichen kritisch zu sehen.
  • Nach den vielen aufgeregten Beiträgen im Jahr 2021 dürfen wir uns 2022 entspannen: Wir können morgens auch weiterhin zum Bäcker und den Nachbarn Hallo sagen, bevor wir mit „Schön, dass Sie alle da sind!“ gendersensibel einen Workshop einleiten.

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